Sébastien Rouland
chef d'orchestre
Interview - Frankfurter Rundschau - Avril 2006
Sébastien Rouland steht nach Rameaus "Platée", Glucks "Armide" und der szenischen Johannes-Passion nun kurz vor seiner vierten Barock-Premiere am Wiesbadener Staatstheater: "Der hochmütige, gestürzte und wieder erhabene "Croesus" heißt sie, 1711 als eine der ersten Opern des deutschen Barock komponiert von Reinhard Keiser. Mit Alter Musik hatte sich der 1972 geborene Rouland als Assistent von Marc Minkowski, dem führenden Dirigenten dieses Fachs in Frankreich, vertraut gemacht. Mittlerweile dirigiert er regelmäßig unter anderem in Lyon und Luzern. "Croesus"-Premiere ist am heutigen Samstag im Großen Haus.
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Frankfurter Rundschau: Herr Rouland, stellen Sie sich vor, Sie wären ein Musikkritiker um das Jahr 1750 und sollten folgende Frage beantworten: Wer ist das größte Originalgenie, das Deutschland jemals hervorgebracht hatte? Wen würden Sie da nennen?
Sébastien Rouland: Georg Friedrich Händel, auch wenn er nicht in Deutschland lebte, wäre für mich ein solches extremes Genie, auch Bach. Oder nein: Zuerst Bach, dann sofort Händel.
Johann Adolf Scheibe, ein Musikkritiker der Barockzeit, nannte Reinhard Keiser, den Hamburger Opernkomponisten. Wie kam er nur zu dieser Behauptung?
Nun, sehen Sie, zu seiner Zeit war Salieri berühmter als Mozart, und eben Keiser berühmter als Bach. Wir sehen das heute mit dem Abstand der Jahrhunderte, haben den Überblick über die Werke und können darüber nüchtern
urteilen. Und uns kann das gleiche passieren, dass wir denken, wir haben hier ein Genie, einen Musiker, einen Dirigenten, und fünf Jahre später ist dieses Genie dann vergessen. Das ist das Leben.
Vergessen ist der Opernkomponist Reinhard Keiser jedenfalls gründlich. Zu Ostern wird hin und wieder seine Markus-Passion aufgeführt, aber so gut wie nie eine seiner immerhin rund 70 Opern. Warum?
Ach, es gibt so viele Komponisten, so viele Opern, die niemand kennt! Egal, welche Epoche man nimmt, ob Barock, Klassik oder Romantik, die Produktion an Musik damals übersteigt einfach die heutigen Aufführungsmöglichkeiten. Zu seiner Zeit war Keiser jedenfalls absolut auf der Höhe der Kunst, Händel hatte größten Respekt für seine Musik, sie sind sich auch durchaus ähnlich. Und in der Oper Croesus gibt es ein Quartett, das wie ein früher Mozart
klingt! Keisers Musik bietet geradezu ein Übermaß an thematischen Einfällen. So verzichtet er in den Arien oft auf da-capo-Teile, wiederholt also nichts, sondern bringt immer Neues. Ein anderer Komponist hätte aus solch einem
Material zehn Opern gemacht.
Ausgerechnet der "hochmütige, gestürzte und wieder erhabene Croesus" wurde 1999 in Berlin von René Jacobs bereits aufgeführt. Wäre es nicht interessanter gewesen, in Wiesbaden eine völlig unbekannte Keiser-Oper zu
nehmen, oder ist "Croesus" einfach besser als die übrigen?
Das wäre eine Frage für den Dramaturgen, er hat Croesus ausgewählt. Ich finde es nicht falsch, diese Oper nach Berlin nun auch in Wiesbaden auf die Bühne zu bringen, denn es handelt sich ja nach wie vor um eine völlig
unbekannte Materie. Ich hatte damals übrigens diese Croesus-Aufführung in Berlin gesehen, weil ich zu dieser Zeit Assistent von Marc Minkowski bei einer Berliner Staatsopern-Produktion war.
Jacobs brauchte damals viereinhalb Stunden. Wird es in Wiesbaden kürzer?
Uff, so lange? Es kam mir vor wie eine Zwei-Stunden-Oper! Es war so lustig! Wir in Wiesbaden haben sehr viel in den Rezitativen gestrichen. Und die Arien selbst sind ja extrem kurz, eben meist ohne da capo. Drei Stunden mit
Pause, länger geht es bei uns nicht.
Und ein weiterer Unterschied: René Jacobs stand in Berlin ein Spezialistenensemble mit Instrumenten der Barockzeit zur Verfügung, Sie dagegen dirigieren hier in Wiesbaden das "normale" Opernorchester. Würden
Sie lieber mit ihm tauschen?
Es gibt immer eine Diskussion darüber, ob man Barockmusik überhaupt auf modernen Instrumenten spielen soll. Ich denke, wichtiger als die Frage nach dem Instrumentarium an sich ist die nach der Art und Weise, wie man auf den jeweiligen Instrumenten spielt. Entscheidend sind für mich die richtige Phrasierung, die richtige Artikulation. Damit ändert sich auch der Klang wesentlich. Natürlich ist es interessant, Barockmusik auf Barockinstrumenten
zu spielen, und ich liebe es. Aber ebenso interessant ist es, wenn Opernmusiker diese Praxis lernen. Und wenn diese Leute danach dann wieder romantisches Repertoire zu spielen haben, wird sich das Wissen um das
barocke Musizieren auch in dieser Musik niederschlagen.
Wie weit kommt man mit dem Vermitteln der Barockpraxis bei einem Orchester, das morgen wieder Puccini spielen muss?
Für eine Musik von Reinhard Keiser sehe ich überhaupt kein Problem, die Unterschiede zu Gluck oder Mozart sind da ja nicht so groß. Wenn es um Frühbarock gehen würde, mit mitteltönigen Stimmungen, wären die Grenzen schnell erreicht.
Viele Orchester, etwa das des HR, setzen mittlerweile Naturtrompeten und -hörner ein. Wie sehen Sie diese Mischung aus alten und modernen Instrumenten?
Ich mag es. Im Mai dirigiere ich ein Mozart-Programm in Frankfurt mit dem hr-Sinfonieorchester, und da werden wir mit Naturtrompeten arbeiten. Ich verstehe aber, wenn ein Opernorchester, das jeden Abend eine andere Oper spielen muss, nicht ständig zwischen den Stimmungen und Instrumenten wechseln kann.
Sie haben in Wiesbaden bislang zwei französische Barockopern einstudiert, "Platée" und "Armide", jetzt folgt ein Prototyp der deutschen Oper. Gibt es bei Ihnen einen grundsätzlich anderen Zugriff, was das Französische
beziehungsweise Deutsche der Musik angeht? Sind Sie vielleicht im französischen Fach eleganter, im deutschen strenger? Oder ist das alles nur ein Klischee?
Das sind wirklich nur Klischees. Auch französische Musik muss hin und wieder unelegant und kräftig klingen, und eine deutsche Oper darf schön fließen. Grundsätzlich, so finde ich, braucht jede Musik etwas mehr Kraft und etwas
weniger bloße Eleganz.
Wir in Deutschland haben französische Barockmusik-Dirigenten von Jean-Claude Malgoire bis Minkowski vor allem als Interpreten französischer Musik wahrgenommen. Wurden Sie auch zunächst nur fürs französische Repertoire
eingeladen?
Ich bin in der glücklichen Situation, alles Mögliche dirigieren zu dürfen, von der Cenerentola bis zum Fliegenden Holländer. Warum soll ich nur französische Musik dirigieren? Nur weil ich Franzose bin? Ich kenne viele
französische Musiker, die diese Musik so schlecht darbieten, nein, das kann kein Grund sein. Qualität hat nichts mit Heimat zu tun, sondern mit Talent und Arbeit.
Interview: Stefan Schickhaus
Sébastien Rouland: Georg Friedrich Händel, auch wenn er nicht in Deutschland lebte, wäre für mich ein solches extremes Genie, auch Bach. Oder nein: Zuerst Bach, dann sofort Händel.
Johann Adolf Scheibe, ein Musikkritiker der Barockzeit, nannte Reinhard Keiser, den Hamburger Opernkomponisten. Wie kam er nur zu dieser Behauptung?
Nun, sehen Sie, zu seiner Zeit war Salieri berühmter als Mozart, und eben Keiser berühmter als Bach. Wir sehen das heute mit dem Abstand der Jahrhunderte, haben den Überblick über die Werke und können darüber nüchtern
urteilen. Und uns kann das gleiche passieren, dass wir denken, wir haben hier ein Genie, einen Musiker, einen Dirigenten, und fünf Jahre später ist dieses Genie dann vergessen. Das ist das Leben.
Vergessen ist der Opernkomponist Reinhard Keiser jedenfalls gründlich. Zu Ostern wird hin und wieder seine Markus-Passion aufgeführt, aber so gut wie nie eine seiner immerhin rund 70 Opern. Warum?
Ach, es gibt so viele Komponisten, so viele Opern, die niemand kennt! Egal, welche Epoche man nimmt, ob Barock, Klassik oder Romantik, die Produktion an Musik damals übersteigt einfach die heutigen Aufführungsmöglichkeiten. Zu seiner Zeit war Keiser jedenfalls absolut auf der Höhe der Kunst, Händel hatte größten Respekt für seine Musik, sie sind sich auch durchaus ähnlich. Und in der Oper Croesus gibt es ein Quartett, das wie ein früher Mozart
klingt! Keisers Musik bietet geradezu ein Übermaß an thematischen Einfällen. So verzichtet er in den Arien oft auf da-capo-Teile, wiederholt also nichts, sondern bringt immer Neues. Ein anderer Komponist hätte aus solch einem
Material zehn Opern gemacht.
Ausgerechnet der "hochmütige, gestürzte und wieder erhabene Croesus" wurde 1999 in Berlin von René Jacobs bereits aufgeführt. Wäre es nicht interessanter gewesen, in Wiesbaden eine völlig unbekannte Keiser-Oper zu
nehmen, oder ist "Croesus" einfach besser als die übrigen?
Das wäre eine Frage für den Dramaturgen, er hat Croesus ausgewählt. Ich finde es nicht falsch, diese Oper nach Berlin nun auch in Wiesbaden auf die Bühne zu bringen, denn es handelt sich ja nach wie vor um eine völlig
unbekannte Materie. Ich hatte damals übrigens diese Croesus-Aufführung in Berlin gesehen, weil ich zu dieser Zeit Assistent von Marc Minkowski bei einer Berliner Staatsopern-Produktion war.
Jacobs brauchte damals viereinhalb Stunden. Wird es in Wiesbaden kürzer?
Uff, so lange? Es kam mir vor wie eine Zwei-Stunden-Oper! Es war so lustig! Wir in Wiesbaden haben sehr viel in den Rezitativen gestrichen. Und die Arien selbst sind ja extrem kurz, eben meist ohne da capo. Drei Stunden mit
Pause, länger geht es bei uns nicht.
Und ein weiterer Unterschied: René Jacobs stand in Berlin ein Spezialistenensemble mit Instrumenten der Barockzeit zur Verfügung, Sie dagegen dirigieren hier in Wiesbaden das "normale" Opernorchester. Würden
Sie lieber mit ihm tauschen?
Es gibt immer eine Diskussion darüber, ob man Barockmusik überhaupt auf modernen Instrumenten spielen soll. Ich denke, wichtiger als die Frage nach dem Instrumentarium an sich ist die nach der Art und Weise, wie man auf den jeweiligen Instrumenten spielt. Entscheidend sind für mich die richtige Phrasierung, die richtige Artikulation. Damit ändert sich auch der Klang wesentlich. Natürlich ist es interessant, Barockmusik auf Barockinstrumenten
zu spielen, und ich liebe es. Aber ebenso interessant ist es, wenn Opernmusiker diese Praxis lernen. Und wenn diese Leute danach dann wieder romantisches Repertoire zu spielen haben, wird sich das Wissen um das
barocke Musizieren auch in dieser Musik niederschlagen.
Wie weit kommt man mit dem Vermitteln der Barockpraxis bei einem Orchester, das morgen wieder Puccini spielen muss?
Für eine Musik von Reinhard Keiser sehe ich überhaupt kein Problem, die Unterschiede zu Gluck oder Mozart sind da ja nicht so groß. Wenn es um Frühbarock gehen würde, mit mitteltönigen Stimmungen, wären die Grenzen schnell erreicht.
Viele Orchester, etwa das des HR, setzen mittlerweile Naturtrompeten und -hörner ein. Wie sehen Sie diese Mischung aus alten und modernen Instrumenten?
Ich mag es. Im Mai dirigiere ich ein Mozart-Programm in Frankfurt mit dem hr-Sinfonieorchester, und da werden wir mit Naturtrompeten arbeiten. Ich verstehe aber, wenn ein Opernorchester, das jeden Abend eine andere Oper spielen muss, nicht ständig zwischen den Stimmungen und Instrumenten wechseln kann.
Sie haben in Wiesbaden bislang zwei französische Barockopern einstudiert, "Platée" und "Armide", jetzt folgt ein Prototyp der deutschen Oper. Gibt es bei Ihnen einen grundsätzlich anderen Zugriff, was das Französische
beziehungsweise Deutsche der Musik angeht? Sind Sie vielleicht im französischen Fach eleganter, im deutschen strenger? Oder ist das alles nur ein Klischee?
Das sind wirklich nur Klischees. Auch französische Musik muss hin und wieder unelegant und kräftig klingen, und eine deutsche Oper darf schön fließen. Grundsätzlich, so finde ich, braucht jede Musik etwas mehr Kraft und etwas
weniger bloße Eleganz.
Wir in Deutschland haben französische Barockmusik-Dirigenten von Jean-Claude Malgoire bis Minkowski vor allem als Interpreten französischer Musik wahrgenommen. Wurden Sie auch zunächst nur fürs französische Repertoire
eingeladen?
Ich bin in der glücklichen Situation, alles Mögliche dirigieren zu dürfen, von der Cenerentola bis zum Fliegenden Holländer. Warum soll ich nur französische Musik dirigieren? Nur weil ich Franzose bin? Ich kenne viele
französische Musiker, die diese Musik so schlecht darbieten, nein, das kann kein Grund sein. Qualität hat nichts mit Heimat zu tun, sondern mit Talent und Arbeit.
Interview: Stefan Schickhaus